Beim Bundeskartellamt

1980 fand die Verbandstagung der Deutschen Jagd- und Sportwaffenhersteller in Neuhausen am Rhein statt. Bei dieser Gelegenheit durften wir die Herstellung der Schweizer Sturmgewehre bei der Firma SIG besichtigen. Außerdem war die Vorstandschaft der Büchsenmacher und Waffenfachhändler zu der Tagung eingeladen: Sie führten Klage über die Rabattgestaltung verschiedener kleiner Nebenerwerbshändler und der Firmen Frankonia und Kettner. Auch mir war bekannt, dass diese beiden Firmen in ihren Katalogen erhebliche Rabatte auf die von den Herstellern vorgeschlagenen Richtpreise anboten. Die kleinen Nebenerwerbshändler, in der Branche als »Schlafzimmerhändler« betitelt, boten ihre Tiefstpreise in den Jagdzeitschriften an. Die einheitliche Aussage der Hersteller war: »Wir können dagegen nichts unternehmen, weil es keine Preisbindung gibt!« Ausnahmen gibt es bekanntlich für Apotheken, den Buchhandel und für die Tankstellen der großen Mineralölkonzerne. Diese verkaufen ihre Treibstoffe nicht an die Tankstellenbesitzer, vielmehr verkaufen die Tankstellen im Auftrag der Mineralölkonzerne. Die Preise können darum von den Herstellern festgelegt werden, denen auch der Sprit in den Tanks gehört. Über mehrere Jahre hinweg experimentierte die Firma Siemens damit, ihre Ware in die Geschäfte der Händler zu stellen, die sie im Auftrag verkaufen sollten. Damit hatten Siemens-Geräte in jedem Geschäft den gleichen Preis. Aufwand und Risiko dieses Geschäftsmodells erwiesen sich jedoch als zu groß, der Versuch wurde aufgegeben.
Nach der Verbandstagung griff ich zum Telefon, um mich bei der Frankonia schlauzumachen: »Herr Jagusch«, fragte ich meinen langjährigen Gesprächspartner, »erklären Sie mir doch bitte, warum Sie bei Jagdwaffen den vom Hersteller in seinen Verkaufspreislisten empfohlenen Verkaufspreis in ihrem Katalog bis zu 12 Prozent unterbieten?«
Er zögerte keinen Moment: »Das kann ich Ihnen ganz einfach erklären: Die im Katalog genannten Preise liegen etwa in der Höhe der Preise, wie sie die kleinen Nebenerwerbshändler in den überregionalen Jagdzeitschriften inserieren. Wenn wir im Katalog den empfohlenen Herstellerpreis verwenden würden, würden unsere Kunden feststellen, dass wir bei den Jagdwaffen viel teurer sind als diese Anbieter – und würden diese Erkenntnis auch auf alle unsere sonstigen Artikel übertragen. Das könnte sich verheerend auf unseren Umsatz auswirken!«
Für diese Argumentation hatte ich natürlich Verständnis, zumal ich von der Firma Kettner beinahe die identische Aussage bekam. Der niedrige Preis in den Katalogen wirkte sich allerdings katastrophal auf unsere Einzelhändler aus, denn fast jeder Jäger hatte einen Katalog von Frankonia oder Kettner dabei, wenn er eine Waffe bei seinem Büchsenmacher kaufen wollte. Was konnte ich unternehmen, um meine Händler vor diesen Rabattschlachten zu schützen?
Ich rief beim deutschen Kartellamt in Berlin an, vereinbarte einen Gesprächstermin und reiste nicht lange danach mit dem Flugzeug von Stuttgart aus nach Berlin, damals noch West-Berlin. Als ich beim Kartellamt die richtige Abteilung gefunden hatte, trug ich den beiden Beamten, die vor mir saßen, meine Probleme vor. Die Antwort war ernüchternd: »Herr Blaser, hier sind Sie völlig falsch! Wir sind keine Beratungsstelle, sondern eine Überwachungsstelle. Wir prüfen, ob sich der Handel in dem gesetzlich vorgeschriebenen Rahmen bewegt. Wir prüfen, ob Händler sowie Großhändler bei der Belieferung nicht diskriminiert werden, dass es keine Preisabsprachen gibt.«
Es war kurz vor Mittag. Einer der beiden Herren fragte: »Waren Sie eigentlich schon einmal im KaDeWe, im Kaufhaus des Westens?«
»Leider nein, denn ich bin zum ersten Mal in Berlin«.
»Jetzt ist ohnehin Mittagszeit. Wir fahren gemeinsam zum KaDeWe, das müssen Sie einfach gesehen haben.«