Ein Außenseiter wird Büchsenmacher

Ein Außenseiter wird Büchsenmacher

Am Samstag den 11. September 1954 fuhr ich von Bregenz aus mit dem Zug nach Klagenfurt – meine bis dahin längste Bahnreise. Weiter ging es mit dem Postbus in die 18 Kilometer südlich von Klagenfurt gelegende Büchsenmacherstadt Ferlach. Wie vereinbart meldete ich mich bei Direktor Landerl, dessen Wohnung sich im Schulgebäude befand.
Auf dem Weg zur Schule kam ich bereits an den ersten Waffenfirmen vorbei, die in großen Schriften an ihren Fassaden auf ihr Gewerbe hinwiesen: »Jagdwaffen Franz Roman Schmid« stand an einem Gebäude am Fuße des Hügels, der zur Schule führte. Später sollte ich dort in der Freizeit praktizieren und arbeiten. Genau gegenüber der Fachschule stand die Firma Franz Sodia Jagdgewehrerzeugung, die ich im Laufe der kommenden Monate gut kennenlernen würde.
Direktor Landerl empfing mich in seinem Büro, und wir führten ein ausführliches Gespräch über die zweijährige Ausbildung, die ich vor mir
hatte. Einen Platz im Schülerwohnheim könne er mir nicht anbieten. Stattdessen habe er mir eine Unterkunft bei der Familie Schwarzen­egger besorgt, in einem kleinen Häuschen mit Garten, das nur etwa 150 Meter von der Schule entfernt läge. Mein Mittagessen könne ich in der schuleigenen Mensa einnehmen.
Ich machte mich sogleich auf, um mein neues Zuhause zu inspizieren und wurde von einem freundlichen, etwas ungleich großen Ehe­paar empfangen. Frau Schwarzenegger, die etwa 150 Zentimeter maß, zeigte mir mein Zimmer. Bislang war es von dem Ehepaar als Wohn­zim­mer benutzt worden. Außerdem gab es eine separate Waschgelegenheit sowie eines der damals noch durchaus üblichen Plumpsklos. Ich war sehr glücklich über diese Wohnmöglichkeit, lag sie doch mitten im Grünen, ganz in der Nähe der Schule und war vor allem preisgünstig. Damit war ein Problem bereits zufriedenstellend gelöst – denn meine Ausbildung in Ferlach musste ich selbst finanzieren.
Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, das ich in meinem Zimmer einnehmen konnte, spazierte ich kreuz und quer durch den Ort. Ich wollte die örtlichen Gegebenheiten und Einkaufsmöglichkeiten kennenlernen. Es war Sonntag, in den Straßen herrschte Ruhe. Mir fiel auf, dass an vielen Häusern Schriftzüge auf Jagdwaffen hinwiesen. Ein Teil der so angezeigten Betriebe existierte schon gar nicht mehr – doch das erfuhr ich erst später. Von ursprünglich etwa vierzig Herstellern waren noch gute zwanzig erhalten geblieben, die sich zur Büchsenmachergenossenschaft zusammengeschlossen hatten. (…)