Ein Knochenjob

Ein Knochenjob

Im Sommer 1952 fiel der Busfahrer für den 17-sitzigen Hanomag durch eine Krankheit für längere Zeit aus. Da meinte mein Vater, dass ich einspringen könne. Obwohl ich noch keinen Busführerschein hatte!
Diese Lösung war natürlich viel günstiger für den Betrieb, als wenn wir einen Aushilfsfahrer gesucht hätten. Ich war eine billige Arbeitskraft, war nicht als Mitarbeiter angemeldet und bekam auch keinen Lohn. Meine privaten Interessen mussten dem Geschäftsinteresse weichen, auf das mein Vater in dieser Zeit vor allem bedacht war. Er entschied, dass wir das Risiko eingehen und ich den Hanomag ohne Erlaubnis zur Personenbeförderung fahren sollte.
Wenn ich jetzt, im Alter, zurückdenke, läuft es mir kalt den Rücken herunter: Bei einem Unfall, egal ob selbst verschuldet oder nicht, hätte die Existenz der Firma auf dem Spiel gestanden! Heute erscheint mir das Risiko viel zu hoch, die Entscheidung meines Vaters unverantwortlich. Als junger Mensch fehlte mir noch die Urteilskraft, um die Risiken richtig einschätzen zu können.
Zu Beginn war die Gefahr, in eine Verkehrs­kontrolle zu geraten, noch nicht sehr hoch. Vorwiegend war ich für ein Reisebüro in Lindau unterwegs, das sich auf Ausflugsfahrten, in die Schweiz, Italien und Österreich spezialisiert hatte und dort wurde selten kontrolliert. Einmal wurde dennoch nach meinem Busführerschein gefragt, das war in Zürich. Ich konnte den Beamten davon überzeugen, dass ein solcher in Deutschland erst ab 18 Personen erforderlich sei, was natürlich nicht stimmte. Die zweite Kontrolle erlebte ich am 15. April 1953 in Lindau-Unterhochsteg an der deutschen Grenze. Ich erinnere mich deshalb so genau an das Datum, weil ich erst sechs Tage zuvor, am 9. April, meinen bis zur Vollendung des 23. Lebens­jahres eingeschränkten Busführerschein bekommen hatte. Zum Glück kontrollierte mich ein Zollbeamter, den ich bisher noch nie gesehen hatte: War ich doch etwa sieben Monate lang fast täglich über diese Grenze gefahren, ohne die notwendige Erlaubnis zu besitzen!
Ich kann nur dankbar sein, dass das Glück während meiner kurzen, anstrengenden Zeit als Busfahrer stets auf meiner Seite war. Bei den Kontrollen, aber auch was das Fahren selbst betrifft.