Eine brutale Technik

Die Suhler Einhakmontagen waren ein sicheres Standbein geworden. Mit ihnen konnte ich die Firma am Leben erhalten. Gleichzeitig investierte ich Zeit in die Entwicklung einer neuen Bockbüchsflinte und verkaufte einzelne Stücke an Jäger aus der Region.
Nun meldeten sich für einen Samstag zwei Berufs­­jäger telefonisch an, die beide große Jagd­reviere betreuten, außerdem ein Forst­amt­mann aus dem bayrischen Allgäu. Alle drei wollten sich über meine neue Bock­büchs­flinte informieren und erkundigten sich nach einer Schießmöglichkeit. Ich hatte etwas Angst vor diesem Besuch, weil ich zuvor noch nie so viel jagdlicher Kompetenz auf einmal hatte gegenübertreten müssen.
Nun stellten sich die drei Herren also vor. Berufsjäger Heini Schädler aus Jungholz hatte seine Waffe mitgebracht, eine Krieghoff Einschloss-Bockbüchsflinte, in Kaliber 16/70 – 5,6x52R. Weil er jüngst zwei Fehlschüsse zu verzeichnen hatte, gingen wir zuerst ins »Kellerverlies« zu meinem ungenehmigten Schießstand. Beim Kugelfang hatte ich bereits eine Zielscheibe aufgestellt. Ich setzte mich an den Anschusstisch, legte die Waffe in mein selbst gebasteltes Schießgestell, setzte den Zielstachel des Zielfernrohres sauber auf den Haltpunkt auf der Scheibe und gab den ersten Schuss ab. Der Blick durchs Spektiv zeigte keinen Einschlag auf der Scheibe. Ich überprüfte, ob Laufmittelpunkt und Zielfernrohr auf der Zielscheibe übereinstimmten, konnte aber keine Abweichung feststellen. Herr Schädler hatte seinen Feldstecher dabei, den er als Berufsjäger wohl meistens umhängen hatte. Bevor ich einen zweiten Schuss abgab, schlug ich vor, dass er mit seinem Glas die Scheibe beobachten solle. So könnte er einen möglichen Einschlag neben der Scheibe erkennen. Das klappte: Ich schoss und er registrierte sofort den Einschlag, nicht weniger als zwei Meter links vom Ziel. Nun nahm ich das Zielfernrohr ab und hängte den Lauf aus. Ein Blick hindurch mit dem Lichtschatten-Verfahren zeigte eine deutliche Krümmung des Laufes nach links. Jetzt erinnerte sich Heini Schädler auch daran, dass er vor Kurzem bei einer Pirsch in steilem Gelände gestürzt war. Vielleicht habe er dabei den Schaden verursacht.
Mir kam eine mögliche Lösung in den Sinn. Sie bestand aus einer Mischung von Mut, Übermut, Leichtsinn und Frechheit: Eine brutale Technik, die mir der Einschießer der Firma Sodia während meiner Ferlacher Zeit gezeigt hatte, als er ein krummes Laufbündel auf der Schießstätte richten musste. Kurz entschlossen umwickelte ich das Laufende mit einem Lappen, um es vor einer Beschädigung zu schützen. Mit der linken Hand umfasste ich die Mündung der Läufe, mit der rechten stützte ich ungefähr die Mitte der Läufe ab und schlug das Laufende kräftig gegen eine etwa zwanzig mal zwanzig Zentimeter starke Holzstütze. Obwohl ich die Herren über mein Vorhaben unterrichtet hatte, waren sie doch sehr erschrocken über die brutale Methode. Hans Haider, der zweite Berufsjäger, sagte zu seinem Kollegen: »Heini, ih moi, du kaasch glei a nuie Bichs koufe, mit der triffsch koin Elefant meh!«
Zu Deutsch: »Heini, ich meine, du kannst dir gleich eine neue Waffe kaufen, mit dieser triffst du keinen Elefanten mehr!«
Jetzt musste sich zeigen, ob der junge Büchsenmacher aus Isny ein Spinner, ein Großmaul oder Angeber war, oder ob er doch etwas auf dem Kasten hatte?
Ich nehme die Antwort vorweg: Es war vielleicht zu fünf Prozent Wissen, zu fünf Prozent Können und zu neunzig Prozent Glück, dass der nächste Schuss nur noch zwanzig Zentimeter vom Ziel entfernt einschlug. Hans Haider darauf: »Mei, Heini, hosch du ein Glück!«, und zu mir gewandt: »Respekt! Respekt!«
(…)