Eine List im Betrieb

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… Eine kritische Geschichte aus meiner Lehrzeit muss ich erwähnen: Die Mägerle-Wagnerei befand sich in Wangen in der Altstadt, in der Nähe der unteren Argen, und war sehr beengt. Vor allem waren die Räumlichkeiten viel zu niedrig für die Montage eines Omnibusaufbaus. An der Wand hing die Zeichnung des gesamten Aufbaus, doch weil die Länge der Wand für einen ganzen Omnibus nicht ausreichte, wurde der Entwurf aufgerollt. Es war jeweils nur derjenige Teil der drei bis vier Meter langen Zeichnung sichtbar, an dem gerade gearbeitet wurde. Die Form der verschiedenen Aufbauten war meist nahezu identisch, nur mussten sie an die unterschiedlichen Maße der Fahrgestelle angepasst werden. Wenn alles fertig war, transportierten wir die Teile auf einem zweiräderigen Karren in die etwa 200 Meter entfernte Montagehalle.
Einmal fingen wir – wie immer – beim Führerhaus mit der Montage an und verlängerten den Aufbau Schritt für Schritt um jeweils ein Fensterfeld. Doch als wir in den Bereich des hinteren Radkastens kamen, stellten wir zu unserem Schrecken fest, dass wir insgesamt circa dreißig Zentimeter zu weit hinten waren!
Glücklicherweise hatte der Chef und Inhaber, Herr Mägerle, den Fehler noch nicht entdeckt. Sofort gingen wir zurück in die Wagnerei und überprüften die Maße. Da wuchs unser Schrecken noch: Der Fehler lag bei uns! Eines der Maße an der Wand war uns entgangen. Wir hatten vergessen, es zu berücksichtigen. Was sollten wir jetzt tun? In der Not griffen wir zu einer List: Um Zeit zu sparen, fertigte der Chef nämlich selten ganz neue Zeichnungen an. Er besaß vielmehr die Angewohnheit, die Zeichnung des jeweils vorherigen Aufbaus dem neuen Chassis anzupassen, in dem er die alten Maße ausradierte und durch neue ersetzte. Diesen Leichtsinn nutzten wir schamlos aus, indem wir nachträglich eine Korrektur zu unseren Gunsten vornahmen. So ersparten wir uns wahrscheinlich einen gewaltigen Anpfiff!