Griffel, »Tatzen« und Ernteeinsätze

Bilder: Die Volksschule in Isny; Mit neun Jahren neben meiner Mutter, im Garten der Großeltern; Güterschuppen am Bahnhof - Ansicht aus den 70ern; Pferdegespann meines Großvaters vor dem Wassertor.

Im April 1938 wurde ich in die Volksschule Isny eingeschult. Zu diesem Anlass versah man meinen blonden Pagenkopf mit einer normalen Bubenfrisur. Ansonsten änderte sich nicht viel: Immer noch lief ich mit der gleichen Vesper­dose in die Kanzleistraße, denn die Volksschule lag nur fünfzig Meter vom Kindergarten entfernt. Schultüten gab es damals nicht. Dafür zierte an meinem ersten Schultag ein neuer Schulranzen aus Leder meinen Rücken, worin sich als wichtigster Teil der Ausrüstung eine DIN-A4-große Schiefertafel und eine Holzgriffel-Lade mit Schreibgriffeln befand. Mit den Griffeln wurden Zahlen und Buchstaben auf die Schiefertafel gekratzt. In einer kleinen Blechdose befand sich ein feuchter Schwamm, womit man das falsch und manchmal auch richtig Geschriebene wieder auswischte. Ein Lesebuch sowie ein dünnes Rechenbuch ergänzten den Inhalt des Ranzens.
31 Mädchen und 31 Jungen kamen ähnlich ausgerüstet wie ich zum ersten Schultag und wurden von Lehrer Allgaier begrüßt: Eine Klassenstärke, die heute völlig undenkbar wäre. Später, im Laufe der Kriegsjahre, kamen außerdem Flüchtlinge und ausgebombte Großstadtkinder dazu. Wenn man bedenkt, dass der Klassenlehrer alle Fächer – ausgenommen Sport und Religion – unterrichtete, dann war dieser Beruf sicher wesentlich anstrengender und arbeitsintensiver, als es heute der Fall ist. Allerdings besaßen die Lehrer auch eine größere Autorität, die Kinder hatten Respekt vor ihnen. Wenn nötig, konnte Herr Allgaier mittels »Tatzen« oder »Hosen­spanner« etwas nachhelfen: eine damals recht übliche Maßnahme.
Ab meinem sechsten Lebensjahr verbrachte ich beinahe jede freie Minute im Güterschuppen des Bahnhofs, der nur etwa hundert Meter vom Haus meiner Großeltern entfernt lag. Mich faszinierte es, wie die dort beschäftigten Eisenbahner Kisten, Körbe, Pakete und Säcke in die Güterwaggons verluden. Dabei war es wichtig, die Güter je nach Empfängerort in den richtigen Waggon einzuladen, denn es gab zwei Bahnlinien: Kempten und Leutkirch. Für jede Sendung wurde in dem Büro im Güterschuppen ein Frachtbrief und eine Adresse von Hand geschrieben. Die Adresse klebte man auf das Versandgut. Dabei durfte ich ab und zu helfen. Es war herrlich, die zu versendenden Teile mit Hilfe eines großen Pinsels mit Kleister zu bestreichen und die Adresse aufzukleben. Die Güter wurden mittels hölzernen, mit Eisenrädern versehenen Sackkarren transportiert und in die Waggons verladen. Bei sehr schweren Kisten halfen sich die Männer mit zwei oder drei Sackkarren gleichzeitig. Die ankommenden Waren wurden in verschiedenen Sektionen gelagert: Es gab Lagerorte für Selbstabholer, der Rest wurde zum Verteilen durch den bahnamtlichen Rollfuhrunternehmer, meinen Großvater, aufgestapelt. Ausgefahren wurde mittels eines Brückenwagens mit niedrigen Bordwänden, den zwei Pferde zogen. So fuhr man von Haus zu Haus und lud die Waren ab.
Der damalige Fuhrknecht, Rupert Frisch, war ein sehr kräftiger Mann. Er lud die Güter ganz alleine ab. Wenn ich schulfrei hatte, durfte ich manchmal mitfahren und ihm helfen. Auch das war für mich eine wunderbare Sache. Stolz saß ich neben Rupert auf dem Brückenwagen. So erlebte ich schon im Kindesalter den Ablauf des täglichen Lebens, nicht allein in der eigenen, sondern auch bei anderen Familien, und vor allem bei den Firmen und Handwerksbetrieben der Stadt. Besonders interessant waren für mich die Besuche bei der Firma C.U. Springer, einer Seidenzwirnerei mit eigener Färberei und etwa 400 Beschäftigten – damals die größte Firma in Isny. Sie besaß noch keine Warenannahme wie sie heute üblich ist. Stattdessen brachte der jeweilige Lieferant die Waren direkt dorthin, wo sie benötigt wurden. Auf diese Weise konnte ich mich in der Färberei, der Zwirnerei, der Schlosserei und in der Kistenmacherei umsehen, in der die Versandkisten angefertigt wurden. Ebenso war es bei den Handwerkern, dem Metzger, Bäcker, Schreiner, dem Schlosser und vielen anderen Betrieben. Welches Glück für mich, dass ich überall hinter die Kulissen schauen durfte! Unterwegs mit Rupert Frisch wurde in mir die Sympathie für das Handwerk geweckt. Die Vielseitigkeit der Berufe wirkte anregend auf Fantasie und Verstand.