Kampf um die Meisterprüfung

Kampf um die Meisterprüfung

Zwischenzeitlich hatte ich die Zulassung für die Meisterprüfung erhalten. Auf den kaufmännischen Teil der Prüfung bereitete ich mich an der Handelsschule in Isny durch Abend- und Wochenendkurse vor und bestand ihn erfolgreich. Mit Hochdruck arbeitete ich an meinem Meisterstück. Vierzehn Stunden Arbeit am Tag waren in dieser Zeit für mich normal, auch am Wochenende. Dem Ziel »Meisterprüfung« musste ich alles unterordnen, weil es von existenzieller Bedeutung war. Ohne Meisterprüfung durfte ich keine neuen Waffen bauen und auch keine Reparaturen ausführen, für welche nachträglich ein staatlicher Beschuss vorgeschrieben war.
Der kleine Erfolg mit der Handspannung für die Kipplaufbüchse, welche die Firma Krieghoff immerhin interessant fand, ermutigte mich, etwas Neues zu probieren. Obwohl ich selbst nicht zur Jagd ging, empfand ich Kipplaufwaffen, soweit sie mir geläufig waren, als recht gefährlich, wenn sie geladen getragen wurden. Die meistens verwendete Abzugssicherung bot bei Stoß oder Fall keine absolute Sicherheit. Es war nicht ausgeschlossen, dass sich ungewollt ein Schuss löste. Was die Sicherheit betraf, war die Umstellung von Hahngewehren auf Selbstspannerwaffen eher ein Rückschritt. Wenn man außerdem berücksichtigte, wie viele zusätzliche Teile man in diese Waffen einbauen musste, damit sie sich beim Abkippen selbsttätig spannten, und wie viele zusätzliche Elemente nötig waren, um das Gewehr zu sichern, dann stellte sich die Frage, ob es nicht auch andere Möglichkeiten gab. Ich fand es paradox, so viel Aufwand in eine maßvolle Bequemlichkeit zu investieren und dabei noch an Sicherheit zu verlieren.
Das alles waren Gedanken von jemandem, der die Waffenfertigung nur im Schnelldurchlauf erlernt hatte, die Tradition der Büchsenmacher kaum kannte und auch keine jagdliche Erfahrung besaß. Darum stürzte ich mich auf die waffentechnische Literatur und unterhielt mich mit Jägern und Berufskollegen – doch viel schlauer wurde ich dadurch nicht. Ich ernte­te Zustimmung und Ablehnung für meine Ansichten – einmal war das Glas halb voll und dann wieder halb leer. Ich ließ mich nicht entmutigen und suchte nach einer Lösung für eine Bockbüchsflinte mit nur einem Schloss, aber mit zwei Abzügen. Das Schloss sollte mit einem auf der Scheibe liegenden Spannschieber gespannt und entspannt werden. Ich wollte zurück zur Sicherheit des Hahnschlosses, die Waffe also in ungespanntem Zustand auf der Jagd führen. Gleichzeitig wollte ich die einfache Bedienung des Selbstspanners übernehmen: Wenn der Sicherungsschieber auf der Scheibe nach vorn geschoben war, war Feuer frei, war er nach hinten geschoben, war die Waffe gesichert. Nun sollte es sich um einen Spannschieber handeln: Nach vorn geschoben sollte die Waffe gespannt sein, wenn der Spannschieber zurückgelassen war, sollte sie entspannt sein.
Eine Bockbüchsflinte wählte ich deshalb, weil dieser Waffentyp Ende der 50er Jahre sehr beliebt war. Diese Neukonstruktion sollte zugleich mein Meisterstück werden: Auf der einen Seite hoffte ich damit, die Prüfungskommission zu beeindrucken, auf der anderen Seite versprach ich mir eine Diskussionsgrundlage unter Fachleuten, ob eine solche Waffe Marktchancen hätte.
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