Vorwort Maggy Moldenhauer

Als Horst Blaser seine berühmte Firma gründete, war die sogenannte Waffenbranche fest gefügt und von großem Selbstbewusstsein geprägt. Man war wer, auf jeden Fall »was Höheres«, schließlich konnte man nicht nur auf eine unvergleichliche Tradition politischer und sozialer Bedeutung fußen, sondern auch auf Generationen von Herstellern und Händlern zurückblicken wie kaum eine andere Branche. Wer auch nur im weitesten Sinne zur Gruppe rund um die Hersteller von Jagd- und Sportwaffen gehörte, verglich sich nicht mit weitaus finanzstärkeren Konzernen anderer Branchen oder - finanziell durchaus oft erfolgreicheren - »Neureichen«, sondern eher mit dem Adel der Republik, der seine gesellschaftliche Bedeutung ja auch nicht ausschließlich auf Reichtum, sondern auf eine ganz eigene Kultur, Herkunft und Lebensart zurückführte. Natürlich gab es unter den Herstellern heftiges Konkurrenzverhalten, aber jede Aktivität hatte stets im Blick, dass man sich auch in zehn oder hundert Jahren würde in die Augen blicken müssen - da wollte man dann selbige nicht beschämt abwenden müssen. Kaufmannsehre galt uneingeschränkt als Wert. Parvenüs, »Leute fürs schnelle Geschäft« wurden mit Nichtachtung gestraft (weder die Versender noch die Großhändler nahmen ihre Produkte in ihre Kataloge auf - als ein Beispiel) und auf diese Weise schnell ausgesondert aus der Branche.
Ich selbst habe in diesem Zusammenhang ganz selbstverständlich und ohne Häme Handelsvertreter von grünen Jagdstrümpfen und mit Fasanen bestickten Taschentüchern erleben dürfen, die auf Handelsvertreter­tagungen sich stets ein wenig abseits von der Menge der anderen Teil­nehmer bewegten, weil man »schließlich wer war«, eben nicht nur ein »einfacher« Handelsvertreter, sondern geprägt davon, zu einer ganz besonderen Branche zu gehören (Ein Gefühl, das ich gut nachempfinden kann, weil es mich selber auch über Jahre trug.).
In so ein Lebensgefühl der Branche muss man sich hineinversetzen, um den Erfolg von Horst Blaser wirklich würdigen zu können. Er hatte keine funktionierende Firma geerbt, war nicht protektioniert, hatte damals noch keinen beeindruckenden oder sonstwie Schnappatmung hervorrufen­den Namen und war infolgedessen eigentlich mit seinen besonderen Waffenkonstruktionen auf den ersten Blick chancenlos. »Ach der Blaser«, so flüsterte mir der Geschäftsführer einer anderen Jagdwaffenfabrik damals zu, »der Blaser ist doch eine vorübergehende Erscheinung, machen Sie mal um den nicht so ein Aufhebens!« Ein bedeutender Großhändler stieß in das gleiche Horn: »Wissen Sie, diese Dinger von dem sind doch hässlich - wer damit ankommt, der braucht wegen Geschmacksverirrung nicht mehr mit weiteren Jagdeinladungen von mir zu rechnen!« Der arme Mann konnte damals nicht ahnen, dass das Design der Blaser-Waffen später zu einem ästhetischen Anspruch wurde.
(Erinnert einen schon ein wenig an das Nixdorf-Drama, als Heinz Nixdorf dem PC so gar keine Zukunftschance gab und daher ein Angebot von Steve Jobs (Apple) ablehnte - der Anfang des Nixdorf-Niedergangs.)
Es ist also tatsächlich paradox, dass trotz der anfänglichen Skepsis in dieser in Epochen denkenden Branche Horst Blaser so rasend schnell bedeutend wurde - er brauchte keine Jahrhunderte, keine selbstbewusst agierenden Generationen vor ihm, er brauchte nur ein paar Jahre, um zu den Pacemakern bei Jagdwaffen-Innovationen zu gehören. Ein Paradoxon, weil er es ja unter anderem mit Mitteln der Ausgrenzung schaffte. Sein Vertriebssystem basierte nämlich genau darauf: als Außenseiter eine eingeschworene Gemeinschaft zu schaffen, die sich für etwas Besonderes hielt.
Ich habe Horst Blaser bewundert, als er das System der »Blaser-Händler« schuf, nahm er doch damals in Kauf, dass der eine oder andere stolze Jagd­waffen­händler plötzlich nicht mehr beliefert wurde, weil er die Bedingungen nicht erfüllte - etwas, das die so Ausgegrenzten auf mitunter brachiale Barrikaden trieb. Falls ich mal definieren müsste, was genau Intrigen sind, so würden meine Aussagen sicher geprägt sein von den damaligen Erlebnissen rund um Blaser-Verträge mit Einzelhändlern. Da wurden teilweise hane­büchene Argumente gegen das Blaser-System vorgebracht. Der Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler fürchtete in Teilen um seine Einigkeit und die Freundschaft untereinander, fürchtete Machtverlust und Schlimmeres. »Wir lassen uns von so einem Außenseiter doch nicht auseinander­dividieren« so war unter anderem zu hören. Ja, die causa Horst Blaser brachte tatsächlich Schwung in die etwas trägen und nach immer gleichen Schema ablaufenden Versammlungen. In der Vor-Blaser-Zeit ging das Thema einer Versammlung, in der es »hoch herging« beispielsweise um die Frage, ob eine Verpackung für Schrotpatronen einen hochglänzenden Lack haben dürfe. Warum das so schlimm war? Nun, die Einzelhändler konnten die Preise nicht einfach mit Kuli auf die Verpackungen schreiben, sondern mussten Aufkleber benutzen, und die kosteten ja schließlich Geld, was bei den Margen...
Man kann sich vorstellen, in welch' kleine Karos die Versammlungsthemen eingetragen wurden. Durch das Angebot und die Aktivitäten von Horst Blaser bekamen die Diskussionen endlich wieder was Grundsätzliches und Prinzipielles. Es ging auch außerhalb der ewigen Gespräche um die Waffengesetze wieder um größere Themen, und auch das ist Horst Blaser zu verdanken.
Wer Blaser-Händler war, der empfand das auch als Auszeichnung. Ich habe sogar mal den Kreditantrag eines Jagdwaffenhändlers in der Hand gehabt, in dem tatsächlich vermerkt war, dass derjenige immer seinen Zinsverpflichtungen würde nachkommen können, weil durch die Eigenschaft als Blaser-Händler ein Grundumsatz stets gesichert wäre. Ja, ja: Des einen Freud, des anderen Leid.
Er machte eben so manches anders, der Herr Blaser. Im vorliegenden Buch werden die konstruktiven Details seiner Waffen beschrieben und auch, wie es im Einzelnen dazu kam. Ohne die Bodenständigkeit und Solidität seiner Waffentechnik wäre es sicher nicht zu einem solchen Erfolg gekommen.
Aber eben auch nicht ohne seine wirklich genialen vertrieblichen Schachzüge im Umgang mit der Händlerszene. Auch wenn so mancher den Kopf schüttelte angesichts zum Beispiel seiner Grille, zunächst Amerika nicht zu beliefern. Andere Unternehmer haben ihre Schwierigkeiten mit dem gewöhnungsbedürftigen, weil immer auf Stückzahlen gerichteten Geschäftsgebaren der Amis weggesteckt und brav und geldgierig geliefert. Blasers Meinung über die Hallodris von Übersee stand dagegen fest: »Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!« Andere Unternehmer schüttelten den Kopf über solches Verhalten, aber auch diese Entscheidung führte letztendlich zu dem geheimnisvollen Ruhm, der die Blaser-Waffen bis heute umgibt. Die Leute dachten sich womöglich, dass Blaser einfach nur heimatverbunden war - sozusagen »wir zuerst«. Und das gerade in einer Zeit, in der andere deutsche Hersteller ihre Waffen manchmal nur arg verzögert in der Heimat auslieferten, eben weil sie wegen rigorosen USA-Verträgen zuerst ihren Lieferverpflichtungen nach Amerika nachkommen mussten (die Konventionalstrafen der Amerikaner waren manchmal existenzgefährdend drastisch, aber die Gewinnspannen eben hoch). Blaser dagegen lieferte meistens schnell, und das rechnete man ihm hoch an, weil man sich nicht mehr als Verlierer gegen das so riesengroße Land Amerika fühlen musste. Ein typisches Beispiel für die Fortune, mit der Blaser in seiner Zeit agierte. Sagt man ja immer: Das Glück ist mit dem Tüchtigen. Diese unglaubliche Tüchtigkeit ist es allerdings auch, die mich enttäuscht an diesem Buch. Horst Blaser war für seine Sparsamkeit in Sachen Werbung berühmt, und so wurde aus unserer Beziehung zwischen ihm als werbeunfreudigem Unternehmer und mir als Verlegerin, die mit Werbung den Unterhalt meiner so unabhängig wie möglich agieren wollenden Fachzeitschrift Waffenmarkt-Intern sichern wollte, keine dicke Freundschaft. Vielleicht gerade, weil wir uns dadurch im täglichen Leben nicht so nahe standen, umschwebte in meinem Gefühl stets eine Art unsichtbare Gloriole den Kopf des Herrn Blaser. Auf mich wirkten seine Marketing-Strategien und seine Waffenkonstruktionen wie dem Kopf eines unglaublichen Genies entsprungen, dem das alles gottgegeben zuflog, während man unter uns Normalos eben entweder ein Marketing-Profi war oder technisch begabt - beides zusammen schien nun mit Erscheinen des Horst Blaser auch möglich, aber eben für uns unerreichbar.
Dieses Buch macht mir plötzlich deutlich: Es war - neben dem Genius -
eben auch harte, detailreiche, manchmal mühselige und kräftezehrende Arbeit, Arbeit, Arbeit, die Horst Blasers Erfolg möglich machte!
Wie schon gesagt, ist das enttäuschend, aber eben auch sehr versöhnlich.
So versöhnlich und so selbstverständlich wie Horst Blaser auf immer ein Mann bleiben wird, der die Waffenbranche zukunftsweisend geprägt hat. Genauso paradox wie das Leben eben oft paradox ist.

Mit einem kräftigen Chapeau, Herr Blaser!

Maggy Moldenhauer (vormals Spindler),
ehemalige Herausgeberin Waffenmarkt intern